Kreuzporkler

 

 

Immer wieder werden wir gefragt, wie haben sich die Störche eigentlich kennengelernt? Vielleicht im Rahmen eines Germanistikstudiums, das gegenseitige Interesse an der Literatur erwachte und sofort wurde der Storch gegründet? Oder war es so etwas Profanes, wie der Besuch einer Literaturwerkstatt, wie sie auf der ganzen Welt von Volkshochschulen angeboten wird?

 

Nein, nichts dergleichen, es war einfach Bestimmung.

An einem milden Herbstabend bummelte ich durch die Vororte meiner Heimatstadt und stieß dabei auf ein Plakat, das genau für diesen Abend ein Treffen der Kreuzporkler ankündigte. Die angegebene Adresse war nur wenige Straßen entfernt, die Uhrzeit stimmte und ich lenkte meine Schritte dorthin.

Am Eingang eines heruntergekommenen Hauses stand ein älterer Mann, hochgewachsen, in einen zerknitterten, streng riechenden Umhang gehüllt. Als er mich sah, machte er einige merkwürdige Bewegungen mit seinem rechten Arm, dann eine Geste, als würde er eine imaginäre Zitronenscheibe über seinen Kopf zerdrücken. Ich reagierte nicht, fragte mich nur, ob es nicht besser wäre, einfach in die nächste Kneipe zu gehen und den Abend dort zu beschließen. Der Mann lächelte, sagte nur: „Geporkelt hast du nie, bald stehst auch du im dunklen Tann, und erblickst das große Vieh“, und öffnete für mich die Tür, die den Blick auf einen sehr dunklen Flur, dessen Ende ich nicht sehen konnte, freigab.

Der Drang, diesen Ort im Laufschritt zu verlassen, war kaum noch auszuhalten. Da meinte ich ein Raunen aus dem Flur zu hören, es klang wie, „Hier wartet er, doch nicht mehr lang, komm herein, habe keine Bang.“ Tja, ich tat es und mein Leben war ab diesem Moment ein anderes.

 

Vorsichtig tastete ich mich an der Wand des Flures entlang, bis ich an eine weitere Tür gelangte. Während ich noch nach einer Klinke suchte, schwang sie unvermittelt auf und ich stolperte in einen Saal, in dem jede Menge Fackeln und Kerzen ein unheimliches Licht verbreiteten. Es gab ein paar Reihen mit schlichten Holzbänken, die um ein Podest gruppiert waren, auf dem zu meiner Überraschung ein kleiner Tannenwald aufgebaut war.

Ich hatte einiges über Freimauer und Rosenkreuzer gelesen und es war harter Tobak, aber das hier übertraf meine wildesten Erwartungen.

In diesem Moment hörte ich ein Schluchzen, das von einer Gestalt kam, die zwischen den Bänken kniete. Voller Inbrunst warf sie die Arme in die Höhe, murmelte etwas in einem fremdartig klingenden Singsang, immer wieder unterbrochen von diesem Herzzerreißendem schluchzen. Plötzlich erhob sich die Gestalt, schüttelte sich kurz, wandte sich mir zu und das war der Augenblick, in dem ich Volker kennenlernte.

Unsere Blicke trafen sich und spontan gaben wir uns die Hand, wussten in diesem Moment noch nicht, dass in nicht allzu ferner Zukunft der Storch unser beider Leben bestimmen würde.

Doch an diesem Abend standen die Kreuzporkler im Vordergrund. Volker hatte schon an einem Einführungskurs teilgenommen und gab mir ein kurzes Resümee ihrer Geschichte.

Schon die alten Römer fürchteten sie, angeblich halfen sie dem Cherusker Arminius in der Varusschlacht. Damals, so heißt es, erschien der große Pork, der zum ersten Mal den geheimen Ritus zelebrierte, tief in den dunklen Wäldern, da wo sich die Tannen kreuzen.

 

Er trug als Einziger den magischen Mantel, hergestellt aus den weichen Augenwimpern

der großen Ur-Sau, die sich vor Äonen auf dieser Erde tummelte.

Alle Porkler nach ihm, auch die heutigen, tragen Umhänge, gewebt aus den unbehandelten Borsten ungezählter Wildschweine, die eine nicht unwesentliche Rolle im Ablauf des erwähnten Ritus spielen. Den Rang eines Porkler erkennt der Eingeweihten an der Farbe der Borsten und den Grad ihrer Weichheit, die durch eine kurze, ruckartige Umarmung, die aber bestimmten, sehr geheimen und komplizierten Regeln folgt, überprüft wird.

Im Laufe der Jahrhunderte gerieten die Porkler in Vergessenheit, bedingt durch das schwinden der Wälder und der wilden Schweine. Im Gegensatz zu den sogenannten Geheimbünden, die ja eine gewisse Öffentlichkeitsarbeit betreiben, können die Porkler nur jeweils einmal pro Jahrhundert für kurze Zeit auf sich aufmerksam machen. Das engt die Suche nach neuen Mitgliedern natürlich stark ein.

An dieser Stelle seiner Erzählung sah sich Volker verstohlen nach allen Seiten um, senkte seine Stimme zu einem kaum Wahrnehmbarem wispern und ich erfuhr die Bedeutung des Namen Kreuzporkler.

Viel kann ich nicht darüber schreiben. Volker und ich bewarben uns noch an diesem Abend um eine Mitgliedschaft bei den Kreuzporklern. Nur eine Woche später trafen wir uns in einem kleinen, verschwiegenen und sehr dunklen Tannenwald wieder, wurden Zeugen des großen Ritus und empfingen unsere Novizenumhänge.

Aber werden sie jetzt ungeduldig fragen, was hat es mit dem Namen Kreuzporkler auf sich, was passiert während des Ritus?

Ich kann nur hoffen, dass unsere Porklerbrüder nie den Storch lesen, aber soviel kann ich verraten, sie sollten nicht weiterlesen, wenn sie schwache Nerven haben.

Man benötigt zwei nicht allzu große Tannen, die kreuzförmig angeordnet werden. Eine mittelschwere Wildsau, ein Schwert aus handgefaltetem, mongolischen Grunzstahl und Hände, die nicht zittern sollten.

Die Wildsau wird verkehrt herum zwischen den Tannen aufgehängt. (Keine Panik, sie wird vorher zu ihren Ahnen geschickt, früher war das allerdings anders).

Der Porkmeister murmelt die alten Beschwörungen, nimmt das Schwert, macht zwei trippelnde, einwärts geschwungene Schritte, führt einen Hieb in Richtung Sau .......

Oh großer Pork, ich kann es einfach nicht, ich kann den Porkeid nicht brechen.

Deshalb setzte ich auf Vorstellungskraft, die jedem Storchenleser eigen ist.

Haben sie schon einmal einem Schwein auf die Schnauze geschaut? Wenn sie einen Großteil des Tieres gedanklich entfernen, bleibt etwas übrig, das wie eine Zitronenscheibe mit zwei Löchern aussieht. Nun, darum geht es im großen Ritus. Jeder der Porkler besitzt so eine Knorpelscheibe und sie spielt eine nicht unwesentliche Rolle in seinem Leben und dient gleichzeitig als Erkennungszeichen, wie ich es am Anfang schon beschrieben habe.

Nun, ich hoffe, damit sind alle Fragen über die Entstehungsgeschichte des Storches ausreichen geklärt.